Der Kommissar und die übrigen Zentimeter seines Lebens

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Im Münchner Tatort geht es um „Die Liebe, ein seltsames Spiel“: eine grandiose Dramaturgie, die den eben noch uralten Kommissaren Leitmayr und Batic neuen Lebensmut verleiht. Die TV-Kritik.

TatortMartin Feifel und Juliane Köhler in einem Tatort voller Pärchen Foto: BR/Claussen+Putz Filmproduktion/Hendrik Heiden

Während unsereiner noch an „Der Tod ist unser ganzes Leben“ herumknabbert – seelisch und intellektuell –, legt der Münchner Tatort bereits nach. Diesmal geht es um „Die Liebe, ein seltsames Spiel“. Das ist eine grandiose Dramaturgie, die eben noch uralten Kommissare Leitmayr und Batic, Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec, sind nicht direkt verjüngt, aber ein Teil ihres Lebensmutes ist doch wieder zurückgekehrt. Über die Ereignisse in „Der Tod ist unser ganzes Leben“ sprechen sie einfach nicht mehr. Das ist vernünftig.

Die Liebe verbirgt ihre rabenschwarze Seite hinter vorerst kurios wirkenden Verwicklungen und munterem Gerede. Batic hat ja eine neue Freundin, die allerdings verheiratet ist. Assistent Kalli (Ferdinand Hofer), das kecke Bürschlein, zieht mit seiner Freundin zusammen. Leitmayr wird von ihm recht dreist auf seine, Kallis Mutter angesprochen, lässt sich aber auf nichts ein und ist entsprechend der einzige, der mit den dehnbaren Arbeitszeiten bei der Kriminalpolizei noch zurechtkommt. Eine Frau liegt tot vor dem Haus, in dem sie eine schöne Wohnung hatte. Sie hatte auch einen Freund.




Martin Feifel spielt die schillernde Rolle wunderbar unschillernd, rundäugig, lachend, glücklich. In einem Versöhnungsgespräch mit Juliane Köhler als seiner Freundin (aber war nicht die Tote seine Freundin, ja, genau) stellt er es so klug an, dass man einen Lehrgang daraus machen könnte. Er ist sozusagen die Unschuld in Person, ein argloser Don Giovanni, ein netter Lumpenkerl. „Ich hasse Streit“, sagt er, aber wer tut das nicht. Den Frauen, die er liebt, schenkt er dreidimensionale Fotos aus Glas. Man kann sie beleuchten. Leitmayr bekommt Zustände.

Da der Liebhaber auch als Architekt erfolgreich ist und auch andere erfolgreiche Leute (Frauen) kennt, kann Regisseur Rainer Kaufmann in hipper Umgebung drehen. Katrin Bühligs Drehbuch ist origineller, als es zunächst scheint. Es bietet eine Art Crescendo, das nach Art der Münchner Ermittler lakonisch abläuft. Es ist der Wahnsinn, aber was soll man sich aufregen. Bis man sich dann doch aufregt. Da wird Leitmayr dann einmal ganz unwirsch und unwitzig.

Denn leiser, unheimlicher Witz ist die stärkste Seite von „Die Liebe, ein seltsames Spiel“. Kalli und Leitmayr sprechen mit einer verwirrten alten Frau. Danach Kalli: „Ist die einfach nur alt?“ Leitmayr: „Warum fragst das ausgerechnet mich?“ Kalli guckt ihn an. Batic hat seine Freundin zu Besuch, die aber jetzt zu ihrem Mann muss. Batic: „Ich habe extra scharfgefüllte Paprika für dich gemacht. Die magst du doch so gern“. Freundin: „Frier sie ein.“ Batic isst die Paprika und spricht ein wenig mit sich selbst.

Eine Weile läuft Batic mit dem Zentimetermaßzipfelchen herum, der den statistischen Rest seines Lebens angeben soll. Es ist ein erbärmlich kleines Stück. Eine Polyamorikerin hat Batic darauf gebracht. Und was, bitte, ist eine Polyamorikerin? „Die Liebe, ein seltsames Spiel“ schafft aber, was außer den münchnerischen den wenigsten Tatort-Folgen gelingt: Obwohl die Handlung nach hier, nach dort mäandert, obwohl Zeit für Späße und Abschweifungen bleibt, geht es auch mit dem Kriminalfall voran. Die Polizei kommt in der einen Angelegenheit trotzdem später drauf als die Zuschauer. Und später als die Zuschauer es mögen. Er fühlt sich vielleicht ein bisschen wie der Ostfriese in der Reklame, der im Zusammenhang mit einer nusshaltigen Süßware immer wieder endlich auf Tee zu sprechen kommen will.

 

Link http://www.fr.de/kultur/netz-tv-kritik-medien/tv-kritik/tatort-der-kommissar-und-die-uebrigen-zentimeter-seines-lebens-a-1283030

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